Der trotzige Engel

Liebe Leserinnen und Leser, wenn sie zu hundert Prozent davon überzeugt sind, dass kleine Kinder ausschließlich süss sind und wie kleine Engel aussehen oder gar Püppchen, dann lassen Sie sich von der Evolution täuschen und ihr Nachwuchs hatte noch keine Trotzphase oder aber Sie haben noch keine eigenen Kinder!

Die Natur hat es ganz clever eingerichtet, alle Babys und Kinder sehen süss aus, egal ob Welpe, Kitten oder Menschlein. Dieses süsse Aussehen soll Beschützerinstinkt und Liebe wecken. Schauen Sie sich die Tierwelt an, was passiert wenn jemand ein Baby angreift? Die Mama wird zur Kampfmaschine und verteidigt ihr Junges, natürlich machen wir Menschen das auch instinktiv. Selbst bei verbalen Attacken auf ihre Kinder können manche Mamas schon aus der Haut fahren. Aber was ist denn nun, wenn aus dem zuckerhaften Menschlein, grad aus den Windeln gehüpft, seine eigene Persönlichkeit entdeckend, zur Zeitbombe wird? Sie wissen schon, so wie einsame Rucksäcke am Bahnhof, manche können jederzeit hochgehen.

Terror war damals zwei einhalb Jahre alt, es war ein Samstagmorgen wie jeder andere. Mein Koffeinspiegel war zwar noch etwas niedrig, aber ich machte Frühstück wie immer. An diesem Morgen hab ich nicht mitbekommen, dass Terror schon motzig war, wie gesagt nicht genug Kaffee. „Das T-Shirt nicht“ , „die Socken sind doof“ , „Wo ist mein Hasi? Menno“ . Dann rufe ich das Kind an den gedeckten Tisch, er geht an seinen Platz und schaut entsetzt sein Geschirr an. „Mama, mag den Pooh Teller. “ „Schatz, der ist im Geschirrspüler und der spült grad.“ – BOOM
MAG ABER POOH TELLER!!“ schrie mich das zuckersüsse Engelchen trotzig an. „Meine Damen und Herren, willkommen in der wunderbaren Trotzphase“ , schallte es in meinem Hinterkopf. Was war das denn? – So ging es den ganzen Tag weiter und auch die kommenden Tage und Monate sahen nicht anders aus. Ich konnte fast nichts richtig machen, es wurde bei ALLEM getrotzt.

Monsterchen in dem Alter beginnen mit diesem Trotzen den Weg in ihre Selbstständigkeit, man könnte meinen aus dem kleinen Engelchen ist ein Tyrann geworden und die wollen uns mürbe machen, besonders vor der Weihnachtszeit gar nicht so abwägig, schließlich kaufen wir Eltern ja mal was mehr wenn wir richtig mürbe sind. Jedoch weit gefehlt. Unsere Kinder stellen in dem Alter fest, dass sie eine eigene Meinung haben, eigene Prioritäten, aber Ihr zweijähriger wird Ihnen kaum vernünftig mitteilen können, dass er gerne den grünen Becher haben möchte. Der kleine Terror damals schrie und weinte über all die Ungerechtigkeit die ihm mit mir wiederfahren ist. Manchmal hatte er auch einfach schlechte Laune, aber in der Trotzphase ist das nur schwer zu unterscheiden.

Die Omas sagen immer: „Das Kind ist bestimmt müde.“ Die Trefferquote ist hierbei etwa bei gefühlt minus 10 Prozent und man will sowas einfach nicht hören, denn die eigentliche Müdigkeit eines Kindes kennt man ja als Mutter und die ist nicht gerade morgens beim Frühstück oder am Nachmittag bei Oma. Wenn das Kind schlecht geschlafen hat oder kaum, ja gut, passt, aber trotzt das Kind bei Oma, ist es prinzipiell müde. Wahrscheinlich hat die Oma die Trotzphase ihrer eigenen Kinder vergessen, oder verdrängt. Worauf ich eigentlich hinaus möchte, liebe Eltern, die Kleinen machen das nicht mit Absicht. Mein kleiner Horror übertrumpft aktuell seinen großen Bruder was den Trotz betrifft, aber wenn die Kleinen diese Trotzphase geschafft haben, so ungefähr mit 6 Jahren – ja leider – sind sie wie ausgewechselt.

Natürlich werden diese Anfälle auch mal durch ein „Nein“ von Mama oder ein „Lass das“ von Papa ausgelöst und man soll Kindern natürlich Grenzen aufzeigen und sie guten Gewissens erziehen, aber halten Sie sich immer vor Augen dass es keine böse Absicht ist. Ich könnte manchmal meine Kinder anschreien, oder sonst was, oder einfach nur hemmungslos Wein trinken, aber wie fühlen sich erst die Kinder? Mama versteht nicht was ich möchte, wie sich meine Welt dreht. Mama versteht nicht, dass mir mein Lieblingsbecher nicht aus Eitelkeit wichtig ist, sondern weil mir die täglichen Rituale mit den selben Sachen Sicherheit geben in meiner Unsicherheit.

Versuchen Sie ruhig zu bleiben, Sie haben Nerven aus Stahl, zeigen Sie Verständnis und strahlen Sie Ruhe aus und Sie werden sehen, Ihr süsses Engelchen kommt bald wieder, mit einem Schuss mehr Selbstvertrauen. Falls Sie das nicht können, schlucken Sie es runter, und besorgen Sie sich Ihren Wein des Vertrauens, es ist nur eine Phase.

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